Diabetes & Glukosesensor

Mehr als der HbA1c: Was „Time in Range“ über Ihren Blutzucker verrät

Bisher zählte beim Diabetes vor allem eine Zahl: der Langzeitwert HbA1c. Seit 2026 stellt die große amerikanische Diabetes-Leitlinie einen zweiten Wert gleichberechtigt daneben — die „Zeit im Zielbereich“. Was das für Sie bedeutet, verständlich erklärt.

von dr. med. univ. Albrecht Wenzel · Juli 2026

Wenn Sie Diabetes haben, kennen Sie den HbA1c bestimmt — den Langzeit-Zuckerwert, der bei fast jedem Termin bestimmt wird. Über dreißig Jahre lang war er das Maß der Dinge. Jetzt bekommt er Gesellschaft: Die neue amerikanische Diabetes-Leitlinie von 2026 stellt einen zweiten Wert gleichberechtigt daneben — die „Time in Range“, zu Deutsch die Zeit im Zielbereich.[1] Was das ist und was es Ihnen bringt, erkläre ich hier ohne Fachchinesisch.

Was ist die „Zeit im Zielbereich“?

Der Name sagt es eigentlich schon. Die Time in Range beantwortet eine einfache Frage: Wie viel Zeit am Tag liegt Ihr Zucker im grünen Bereich? Als grüner Bereich gilt ein Zuckerwert zwischen 3,9 und 10,0 mmol/l. Gemessen wird das nicht durch Piksen in den Finger, sondern mit einem kleinen Sensor am Oberarm, der den Zucker rund um die Uhr aufzeichnet: tagsüber, nach dem Essen, beim Sport und auch nachts im Schlaf.

Das Ziel für die meisten Menschen mit Diabetes: mehr als 70 Prozent des Tages im grünen Bereich — das sind etwa 17 von 24 Stunden. Genauso wichtig ist der Blick nach unten: Die Zeit im Unterzucker soll klein bleiben (unter 3,9 mmol/l möglichst weniger als 4 Prozent des Tages).[1,2] Denn eine Unterzuckerung ist das, was im Alltag am schnellsten gefährlich wird.

Was der HbA1c nicht sehen kann

Der HbA1c ist und bleibt ein guter Wert. Er zeigt, wie hoch der Zucker in den letzten zwei bis drei Monaten im Schnitt war, und er ist durch jahrzehntelange Forschung bestens abgesichert. Aber: Er ist eben ein Mittelwert — und Mittelwerte können täuschen.

Ein Beispiel: Zwei Menschen haben genau denselben HbA1c von 7,0 %. Bei dem einen läuft der Zucker ruhig und gleichmäßig. Bei dem anderen geht es Achterbahn — nachts rutscht er in den Unterzucker, nach den Mahlzeiten schießt er nach oben. Auf dem Papier sieht beides gleich aus. Für den Körper ist es das nicht. Genau diese Berg- und Talfahrten — und die heimlichen nächtlichen Unterzuckerungen — macht die Time in Range sichtbar.[1,3] Die neue Leitlinie nennt diese Schwäche des HbA1c ausdrücklich als Grund für die Aufwertung.

Was sich 2026 konkret geändert hat

Drei Dinge finde ich besonders wichtig:

Erstens: Wie gut ein Diabetes eingestellt ist, darf jetzt am HbA1c und/oder an den Sensorwerten festgemacht werden. Die Time in Range zählt damit als eigener, vollwertiger Wert — nicht mehr nur als nette Zusatzinfo.[1]

Zweitens: Die Zielwerte werden zum ersten Mal für beide Werte gemeinsam und persönlich angepasst festgelegt — je nach Alter, weiteren Erkrankungen und allgemeinem Gesundheitszustand. Ein fitter 55-Jähriger braucht andere Ziele als ein gebrechlicher 85-Jähriger. Das war beim HbA1c schon so und gilt jetzt genauso für die Time in Range.[1]

Drittens: So ein Sensor soll früher zum Einsatz kommen als früher üblich — auch bei Typ-2-Diabetes und auch dann, wenn man „nur“ Tabletten nimmt, die Unterzuckerungen auslösen können.[1]

Ehrlich bleiben: Was die Time in Range (noch) nicht ist

So gut ich diese Entwicklung finde — drei Dinge sollten Sie fairerweise auch wissen:

Die Diagnose läuft weiter über den HbA1c. Ob jemand überhaupt Diabetes hat, wird nach wie vor mit dem HbA1c und dem Blutzucker festgestellt. Die Time in Range hilft beim Steuern der Behandlung — sie ist kein Test, um Diabetes festzustellen.

Die Forschung dazu ist jünger. Für den HbA1c gibt es riesige Studien über Jahrzehnte. Für die Time in Range sind die Belege überzeugend, stammen aber überwiegend aus Beobachtungen und nachträglichen Auswertungen[3,4] — ein starkes Fundament, aber noch nicht ganz so felsenfest wie beim HbA1c.

In Deutschland zählt weiter der HbA1c. Die Diabetes-Programme der Kassen (DMP) und die deutschen Empfehlungen richten sich weiterhin nach ihm. Die Richtung ist bei uns dieselbe — aber im Alltag gilt: Die beiden Werte ergänzen sich, keiner ersetzt den anderen.

Was das für Sie bedeutet

Wenn Sie Insulin spritzen, zahlt die Kasse den Sensor in vielen Fällen ohnehin schon. Die Time in Range ist dann genau das Werkzeug, mit dem wir Ihre Behandlung gemeinsam fein einstellen.

Wenn Sie Typ-2-Diabetes ohne Insulin haben — oder einfach neugierig sind, wie Ihr Körper tickt — kann ein Sensor für ein paar Wochen sehr aufschlussreich sein. Sie sehen schwarz auf weiß, wie Ihr Zucker auf bestimmte Mahlzeiten, auf einen Spaziergang oder auf schlechten Schlaf reagiert. Solche Muster zeigt kein einzelner Laborwert. Wenn die Kasse das nicht übernimmt, biete ich es als CGM-Screening an — eine Selbstzahlerleistung, deren Kosten wir vorher offen besprechen.

Mein Fazit

Die Aufwertung der Time in Range ist keine amerikanische Modeerscheinung. Dahinter steckt eine einfache Wahrheit: Ein Durchschnittswert allein erzählt nicht die ganze Geschichte. Die Zukunft heißt „HbA1c und Time in Range“ — zusammen, nicht das eine statt des anderen. Wenn Sie schon einen Sensor tragen, schauen Sie beim nächsten Termin ruhig einmal nicht nur auf den Langzeitwert, sondern auch auf Ihre Zeit im grünen Bereich. Es lohnt sich, beide Zahlen zu kennen — und ich schaue sie gern gemeinsam mit Ihnen an.

Quellenangaben

  1. American Diabetes Association Professional Practice Committee. 6. Glycemic Goals, Hypoglycemia, and Hyperglycemic Crises: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl. 1).
  2. Battelino T et al. Clinical Targets for Continuous Glucose Monitoring Data Interpretation: Recommendations From the International Consensus on Time in Range. Diabetes Care. 2019;42:1593–1603.
  3. Beck RW et al. Validation of Time in Range as an Outcome Measure for Diabetes Clinical Trials. Diabetes Care. 2019;42:400–405.
  4. Lu J et al. Association of Time in Range, as Assessed by Continuous Glucose Monitoring, With Diabetic Retinopathy in Type 2 Diabetes. Diabetes Care. 2018;41:2370–2376.

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